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Eine Seefahrt ins „Paris des Ostens““

Der Wetterbericht hatte – wie in der östlichen Mittelmeerregion so üblich – nur lapidar 3-4 Windstärken bei moderater See zu vermelden. Keine besonderen Vorkommnisse. In 29 Stunden würden wir Beirut erreicht haben, wenn alles so bliebe wie es war. 20 Seemeilen vorher begann Don – unser Kommunikationsoffizier – die libanesische Einwanderungshörden anzufunken. Über die nächsten zwei Stunden versuchte er dies: Keine Antwort auf Kanal 16. Da erwies sich die Errungenschaft des Funktelefons als große Hilfe. Ich hab ein Netz, rief Thorsten, der sich um die technischen Abläufe an Bord kümmerte. Ein Anruf im Hafen von St.George/Beirut, und wir hatten eine Telefonnummer.
Wo ist das Breakwater?
Dass am anderen Ende der Leitung kein Hafenmeister war, sondern in feinstem Französisch vermeldet wurde, wir seien hier im Restaurant gelandet, liess uns schmunzeln. Aber das kann schon mal passieren. Kanal 11 ist der Anrufkanal, erklärte man uns unter der Funktelefonverbindung. Oscar Charlie, Oscar Charlie – this is sailing yat Terpsichore. Can you read me? Don konnte diese Worte schon im Traum sprechen. Da die Antwort. Positionsangabe und 6 Meilen vor der Küste wiederholt melden. Den Kurs genau gesetzt, wurde auch diese Meldung abgegeben. Bitte im Breakwater zum Einlaufen in den Hafen melden. Eines kam uns allerdings fremd vor. Weshalb? Wir fragten nach der Genehmigung für St.George /Beirut. Die Anweisung hiess jedoch Jouniye – der Sitz des libanesichen Automobilclubs ATCL. Und man hat zu folgen, also folgten wir. Feuerwerk und unzählige Lichter begrüßten uns bei unserer Ankunft. Eines indes war nicht zu sehen. Das grüne Funkel, zweimal alle 5 Sekunden. Ratlosigkeit. Oscar Charlie, Oscar Charlie – can you help?
Fischerboote mit überdimensionalen Scheinwerfern auf Beutezug wiesen uns den Weg. Und am Rande der Hafeneinfahrt die Auskunft: Dies ist nicht Jounif harbour. Dies ist der Automobilclub. Da riefen uns Stimmen aus 50 Meter Entfernung an einer Tankstelle. 8 Personen in Zivil und Uniform. Die Behörden warteten schon auf uns. Eincheck – fragender Blick auf den Pass unseres türkischen Freundes, der uns auf der Überfahrt begleitet hatte – und bitte bis zum Morgen nicht von Bord gehen.
Lieferservice der besonderen Art
Haben Sie genug Proviant an Bord? Ja, etwas haben wir noch. Nicht viel, aber doch genug. Nur einige Minuten später erschien ein Uniformierter, sprach mit Jan, der offenbar die Koordination von Hafen und Behörden unter sich hatte. Ein Paket mit Fladenbroten und leckerster Pastete wurde uns übergeben. Guten Appetit. So vieles in unüblich im Morgenland. Nabil („Ich bin nicht der Hafenmeister, nur der Manager des Clubs.“) ruft mich am nächsten Morgen zu sich. Es sei ihm sehr unangenehm, aber unser türkischer Mitreisender hätte ein Visum benötigt. Und obgleich ich ihm immer wieder erkläre, dass dies mein Versehen wäre, beteuert er sein Bedauern. Wir erhalten einen zweitägigen Shore-Pass für Mahmut, für uns gibt’s eine Woche.
Liegegebühren und Ausnahmen von der Regel
Zugleich will Nabil die Regeln des Clubs klären. Ob es mir denn so passe. Die ersten drei Tage sind kostenlos, dann staffelt sich die Liegegebühr nach Liegedauer. Je länger wir bleiben, desto teurer wird es. Das ist ganz klar, das ist immer so. Aber jetzt erst erklärt er mir genaueres. Mit jeder Woche steigt der Tagessatz. „Wir haben hier nicht so viele Gastplätze, deshalb erhöhen wir bei längerer Liegedauer die Preise.“ Wie in Abrahams Schoß fühlen wir uns hier. Die Ausflugsziele werden uns empfohlen, Taxipreise ausgehandelt und selbst für unsere kleine Daisy – immer mitreisende Cockerdame – gibt’s eine Ausnahmegehmigung im sonst „hundefreien“ ACTL.
Nach zwei Tagen müssten wir abreisen, fragen nach einer Sondererlaubnis, mit der unser türkischer Begleiter wenigstens noch einen Tag geduldet wird („Ich bleibe an Bord.“ Ist sein Angebot an die libanesischen Behörden.). Prompt erscheint ein Uniformierter mit der Genehmigung – die gleich um einen weiteren Tag verlängert wird. So lange wollten wir sowieso bleiben. Mit großer Abschiedszeremonie geht’s am Spätnachmittag auf den Weg zurück in die Türkei, auf direktem Weg wollen wir Zypern südlich runden.
Tschüs und bis zum nächsten Mal, verabschieden wir uns. Wir haben neue Freunde gefunden. Ein vorletztes „Oscar Charlie. We are leaving.“ Dann hat die See uns wieder.